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Meisterwerke der Fotografie - Buchvorstellungen

  1. Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag 315018763X
    • Paperback

    Overall Ratings

    Content
    Readability
    Graphics / Illustrations
    Would Recommend
    General Experience
    5.0 1

    Meisterwerke der Fotografie

    Author:
    Bernd Stiegler, FelixThürlemann
    Publisher:
    Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
    ISBN:
    315018763X
    Buch kaufen
    www.reclam.de:

    Von den Anfängen der Daguerreotypie bis hin zur zeitgenössischen Kunstfotografie werden auf einer Doppelseite in Bild und Text 150 Arbeiten präsentiert, die das bald 185 Jahre alte Medium Fotografie in möglichst großer Breite ebenso anschaulich wie informativ vorstellen. Neben klassischen oder kanonischen Bildern sind dabei auch Überraschungen zu verzeichnen, ebenso wichtige Etappen der wissenschaftlichen Fotografie. Einleitung und Bibliographie machen aus diesem Band ein kleines Kompendium der Fotografiegeschichte, die hier zu entdecken und zu erkunden ist.

Reviews

  1. AnjaC

    AnjaC NF-Club Teammitglied

    Buchvorstellungen:
    248

    Gehört in jeden Fotografenhaushalt

    Wir kennen sie noch aus der Schulzeit, die Reclam-Heftchen mit Goethe, Schiller, Hauptmann und Co. Damals waren sie weiß, heute sind sie gelb. Das handliche Format ist geblieben. Vom Reclam-Verlag liegt ein Bändchen des Literaturwissenschaftlers Bernd Stiegler und des Schweizer Kunstwissenschaftlers Felix Thürlemann, beide Professoren an der Universität Konstanz, über "Meisterwerke der Fotografie" vor. In Länge und Breite hat das Werk die üblichen Dimensionen der Reclam-Schriften, in der Tiefe umfasst es 336 Seiten und fühlt sich an wie ein richtiges Buch.

    Bereits seit dem Altertum war die Camera obscura, ein lichtdichter Kasten mit Loch, bekannt. Euklid, Aristoteles oder Leonardo da Vinci etwa beschäftigten sich damit, vor allem Maler und Bildhauer nutzten das flüchtige seitenverkehrte Bild auf der Rückseite der Box, um Proportionen korrekt wiederzugeben. Im Mittelalter ersetzte man das Loch bereits durch geschliffene Glaslinsen, um Licht zu bündeln. Erst vor gut 185 Jahren gelang es, solche auf eine Fläche projizierten Bilder dauerhaft zu konservieren. Von früheren flüchtigen Solarisierungen abgesehen war dies der Startpunkt der Fotografie. Für den Zeitraum von dieser Frühzeit bis heute legen Stiegler und Thürlemann ein Bilderbuch mit 150 repräsentativen Lichtbildern vor, die jeweils auf der gegenüberliegenden Seite mit wertvollen Details besprochen werden. Erstaunlicherweise tut das Reclamformat dem Genuss des Schauens keinen Abbruch. Dem Buchformat geschuldet sind die allermeisten abgebildeten Werke im Hochformat ausgewählt, jeder Bildautor erscheint nur einmal, nahezu alle Bilder sind in Schwarz-Weiß.

    Das Buch erfüllt seinen Anspruch, "Inkunablen der Fotografie" zu versammeln, voll und ganz. Das möglicherweise erste Foto von Nicéphore Niépce ist enthalten, dem es 1827 gelungen war, den Blick aus einem Arbeitszimmer seines Familienwohnsitzes im Tal der Saône in Burgund mittels Asphalt zu konservieren. Daguerre gelang es elf Jahre später, den Blick auf einen Boulevard in Paris mit versilberter Metallplatte zu fixieren, man sprach von Daguerrotypie. Der englische Privatgelehrte Talbot entwickelte das Positiv-Negativ-Verfahren, womit Papier als Bildmaterial möglich wurde. Bilder konnten erstmals vervielfältigt werden. Von ihm ist "Die Leiter" von 1844 beigesteuert, ein Bild mit erstaunlicher Detailgenauigkeit. Von da an sprach man von der Fotografie als "Pencil of Nature". Es wurde als Vorteil gesehen, dass der technische Abbildungsprozess ohne menschliches Eingreifen erfolgte. Im Vergleich mit der Malerei schienen Fehlerquellen aufgrund menschlicher Unzulänglichkeiten nun ausgeschlossen. So zeichnet das Buch mittels Bildbeispielen die "Fortschrittsgeschichte der Fotografie" nach, aber es erschöpft sich nicht darin. Neue verfügbare fotografische Techniken schlagen sich immer in den fortgeschrittenen Möglichkeiten, Lichtbilder zu machen, nieder, die Marksteine dabei werden im Buch gezeigt.

    Die technisch bedingten Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten der bildgebenden Verfahren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren enorm. Die Apparaturen waren schwer und unhandlich, man brauchte Belichtungszeiten von mehreren Minuten, der Entwicklungsprozess war fragil. Viele der Fotografen besaßen eine Ausbildung als Maler, waren also in Bildgestaltung geschult. So kam es, dass bereits damals viele Genres der Fotografie, die auch heute gängig sind, vertreten und im Bilderbuch präsentiert werden. Reise- und Landschaftsfotografie war beliebt, zeigte sie doch Orte, an die die Betrachter nicht im Traum zu gelangen dachten. Bereits in den 1850er Jahren werden der Tempel von Ramses III., Details der Grabeskirche in Jerusalem oder Ruinen in Äthiopien thematisiert. Eine Sensation ist der Aufstieg zum Montblanc, der im Jahre 1862 von den Brüdern Bisson bebildert wird. 25 Träger waren notwendig, um Kameraausrüstung und das Equipment inklusive zerbrechlicher Glasplatten zu berge zu schleppen. Schnee musste geschmolzen werden, um die Platten in einem an Ort und Stelle aufgeschlagenen Zelt zu wässern. Kunstwerke wurden dokumentiert wie etwa der römische Moses von Michelangelo in den 1850ern von Anderson. Eindrucksvolle Porträts entstanden wie Alexander von Humboldt 1847 von Hermann Biow, der Pierrot von Nadar 1854, das Abbild eines schiffsbauenden Ingenieurs vor einer aufgerollten riesigen Kette oder von Baudelaire 1863. Sehr schön auch die Darstellung der Comtesse de Castiglione 1863 als Femme Fatale. Die Fotografie hatte die Porträtmalerei, namentlich die Malerei von Porträtminiaturen, bald fast vollständig verdrängt. Auch erste Aktbilder gab es, vertreten ist ein Salzpapierabzug eines weiblichen Akts von 1853, selbstverständlich mit dem abgewinkelten Arm hinter dem Kopf, der auch heute noch bei so vielen Akten unvermeidlich scheint und dessen wir mittlerweile oft überdrüssig sind. Sozialkritische Bilder erscheinen ebenfalls, sehr schön die kleinen Schornsteinfeger von 1851 im Rundformat. Die Schweizer Tracht im Kanton Zürich wird 1869 verewigt, ein Nachtwächter 1871. Von August Kotzsch wird der Abschied von Vater Langbein von seiner Familie um 1878 gezeigt. Ein erster Mond findet sich 1865, er sieht neuzeitlichen Ablichtungen zum Verwechseln ähnlich. Auch Katastrophen werden zum fotografischen Thema, so ein Brand einer Mühle 1853 in Ontario. Der Ausbruch des Vesuvs wird 1872 dokumentiert. Bekannt sind die fotografischen Bewegungsstudien von Muybridge. Das hier ausgewählte Bild zeigt Leland Stanford auf seinem Pony reitend, der Diener rennt hinterher.

    Besonders bekannt sind "Das Zwischendeck" von Alfred Stieglitz 1907, das Formensprache und Gefühlswelt in Beziehung setzt und damit den Übergang zur Moderne der Fotografie öffnet. Man Ray ist vertreten mit einem Akt, Edward Westons Kloschüssel von 1925 darf nicht fehlen. Bis dahin ungewöhnliche Perspektiven führt Alexander Rodtschenko mit steil nach oben gerichtetem Blick auf Kiefern 1927 ein. Grafischen ornamentalen Minimalismus entdeckt Karl Blossfeldt 1928 mit seinem Haarfarn, ebenfalls minimalistisch ist Callahans "Gras gegen den Himmel" von 1948.

    Ikonen sind Bilder wie "der Konditor" von August Sander von 1928, entnommen aus dessen Werk "Antlitz der Zeit". Sander betrieb Soziologie mit den Mitteln der Fotografie. Auch Dorothea Langes Mutter einer Wanderarbeiterfamilie wird gezeigt, mit Hinweisen im Text zur nicht gerade freundlichen Entstehung des Bildes. Das "Recht am eigenen Bild" spielte wohl keine Rolle. Nicht fehlen darf selbstverständlich Henri Cartier-Bresson, der Magnum-Mitbegründer mit einem seiner fotografischen Augenblicke. Weegee the Famous, der den Polizeifunk abhörte und öfter mal vor der Polizei am Tatort war, versorgt sein Publikum mit dem Bild eines Mordopfers in Manhattan. Ansel Adams, der Generationen von Landschaftsfotografen prägte, ist mit seinen Grand Tetons und Snake River von 1942 vertreten. Andreas Feininger ist zwar durch seine Architekturbilder berühmt, aber ein Portrait-Highlight für einen ganzen Berufsstand ist der abgedruckte "Fotojournalist" von 1951. Dieses Bild allein würde den Besuch einer Ausstellung rechtfertigen. Sicher ebenso bekannt ist das Bild von Lee Friedlander von 1966, der eine Frau von hinten fotografierte, wie sie einen Boulevard in New York entlang lief. Dominierend ist sein Schatten auf dem Rücken und der Frisur der Frau - Motiv und Fotograf in einem Bild. Aber auch Schreckensbilder werden gezeigt wie das Bild von Eddie Adams von 1968, als der Polizeichef von Saigon einen Vietcong auf offener Straße erschießt. Zu den Ikonen gehören auch die Siegener Fachwerkhäuser von Bernd und Hilla Becher aus den 1960er Jahren und Helmut Newtons Selbstporträt mit June und Models von 1981. Mit Sebastiao Salgados Goldmine 1986 stehen wir endgültig an der Schwelle zur Gegenwart, Parr und Gursky runden ab.

    Allein die von Stiegler und Thürlemann zusammengestellten Bilder der Altvorderen unserer Passion Fotografie sind die Anschaffung des Bändchens wert. Die Zeitreise von den Anfängen bis in die Gegenwart ist bebilderte Geschichte der Fotografie, ausgedrückt in fotografischen Highlights. Die Texte ordnen ein, geben Hinweise auf die verwendete Technik, zeigen gestalterische Entwicklungen auf. Schon 1851 hatte Edouard Baltus ein Verfahren entwickelt, um aus zehn Negativen einen Abzug des Kreuzganges von Saint-Trophîme in Arles in Übereckperspektive zu entwickeln. Teilweise wurden Landschaftsaufnahmen in Überblendungen aus verschiedenen Negativen zusammengesetzt. Doppelbelichtungen fanden bereits in den 1850er Jahren statt. Negative wurden massiv "überarbeitet", es fanden teils gravierende Retuschen statt, auch schon vor 1900. Stand am Anfang der fotografischen Entwicklung die Genauigkeit im Vordergrund, versuchte man sich später in der Ungenauigkeit, um von der reinen Abbildung näher zur "Kunst" zu kommen. Man erfährt, dass der berühmte "Fallende Soldat" Robert Capas aus dem spanischen Bürgerkrieg von 1936 höchstwahrscheinlich eine Inszenierung war, ebenso wie das Hissen der russischen Flagge auf dem Reichstag 1945, wobei dort auch noch retuschiert wurde. Bereits während der Frühzeit der analogen Fotografie wurde also geschönt, verändert, getrickst um erwünschte oder sonst technisch nicht mögliche Bildergebnisse zu erzielen. Das gab es schon immer, es bedurfte dazu nicht der digitalen Revolution. Hier ist es lediglich einfacher.

    Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte, 150 Bilder mehr als 150.000 Worte. Stiegler und Thürlemann haben in diesem Bändchen 150 Meisterwerke versammelt, alle sehenswert. Mit dem Buch wird uns eine Brücke zu den fotografischen Anfängen geschlagen, wir können aus der Fotografiegeschichte lernen. Wer technisch interessiert ist, kann die Entwicklung anhand der Bildergebnisse nachvollziehen. Die Entwicklung der Bildgestaltung wird exemplarisch aufgezeigt. Und das alles wenn gewünscht in homöopathischen Dosen, denn jede Doppelseite ist ein Kapitelchen für sich. Damit eignet sich das Werk ideal fürs Mitnehmen in den Urlaub, als Gutenachtlektüre auf dem Nachttisch, es ist auch gut in der Jacken- oder Handtasche unterzubringen. Und das Preis- Leistungsverhältnis ist sowieso unschlagbar, Reclam halt. Ein Geschenk, das mehr wert ist als es kostet.

    Das Buch erhält von mir sechs von fünf Sternen. Es sollte in keinem Fotografenhaushalt fehlen.

    Bernd Stiegler, Felix Thürlemann
    Meisterwerke der Fotografie
    Philipp Reclam Stuttgart 2011
    ISBN 978-3150187630
    12,00 €

    Rezension: Helmut Elicker
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