Mein Fotoprojekt Der Mann mit dem goldenen Helm

Gut Ding will Weile haben und vor allem viel Geduld. Wenn man alles beieinander hat, dann fragt man sich allerdings, warum es so lange gedauert hat.

Als Motiv hatte ich mir diesmal das Bild „Der Mann mit dem goldenen Helm“ ausgesucht. Bis vor kurzem war ich auch der Überzeugung, daß dieses Bild von Rembrandt stammen würde, aber inzwischen ist sich die Fachwelt wohl einig dass es einem seiner Schüler zuzuordnen sei, es aber innerhalb seiner Schule entstanden ist und er deshalb das Bild signierte. Die Fachwelt wurde also etliche Jahrhunderte an der Nase herum geführt.

In den Grundzügen war mir das egal, denn einerseits ist die Lichtsetzung äußerst interessant, andererseits zählt es dennoch zu den bekanntesten Gemälden der Welt und darüber hinaus wollte ich meinem langjährigen Freund Fuzzi oder besser bekannt als Teodorico di Canto Uccello (der Theodor vom Vogelsang) eine Freude bereiten. Er ist meine Muse wenn es darum geht ausgefallene Namen für einige Bilder zu finden. Wir pflegen trotz seiner fast 80 Lenze, einem Herzinfarkt und einem Schlaganfall regen Kontakt teils belanglos oder von Dadaismus bis Kant.

Hier also das Original, entnommen aus Wikipedia da dort das Bild wieder rechtefrei zu benutzen ist.

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Das Projekt entfaltete seine Wurzeln im Dezember 2019. Beim stöbern nach neuen Herausforderungen bin ich also über dieses Bild gestolpert und habe in dem alternden General sofort meinen ebenfalls alternden Freund gesehen. Problem war nur woher bekomme ich die Ausstattung?

Amazon, Ebay, Esty brachten mich nicht weiter. Stundenlange Recherchen im Internet brachten auch keinen Erfolg. Nirgends gibt ein einen vergleichbaren Helm zu kaufen. Ich hätte ja auch einen aus einem Faschingskostüm, aus Plastik, aus irgendwas genommen, aber nix gab es.

Wie der Zufall im Leben einem hilft, bin ich auf einen ähnlichen Helm einer Rüstung gestoßen. Ab dem Zeitpunkt war klar, es ist zwar Low Budget aber leider mit High Work verbunden. Übrigens diese Art Helm nennt man auch „Cabasset“, einer Helmform aus dem 16-ten Jahrhundert. Mit diesem Stichwort kommt man bei den Suchmaschinen schneller voran.

So sieht also der Helm in seinem Ursprungszustand aus:

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Zuletzt bearbeitet:
Nächstes Problem: der Helm auf dem Originalbild trägt Ornamente. Wie bekomme ich solche Ornamente da drauf. Schnitzen geht ja nicht, der Helm besteht aus Stahl. Dengeln und Schmiedearbeiten sind nun überhaupt nicht mein Ding und das Werkzeug habe ich auch nicht. Ein kurzer Abstecher zum Cosplay brachte mich auf Silk-Clay. Das ist ein knetbarer Kunststoff in der Haptik wie Lehm. Man kann ihn beliebig formen, kneten, ausrollen und sobald man ihn über Nacht an der Luft liegen läßt trocknet er aus und wird hart. Geholfen hat mir dann noch eine Silikonform für’s Kuchenbacken. Damit kann man z.B. mit Zucker solche Formen gießen und an Torten kleben. Wenn schon nicht an Torten, dann halt an Stahlhelme.

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Die Erfahrung hat gezeigt, man sollte das getrocknete Silkclay am nächsten Tag weiter verarbeiten, denn je länger es an der Luft liegt desto härter und inflexibler wird es bei der weiteren Verarbeitung. Außerdem wird es dann spröde und bricht leicht sobald man es biegen möchte. Mehr wie ein Ornament pro Tag ist aber nicht drin, mehr gab die eine Form nicht her und Ausschuß hat es auch zur Genüge gegeben.

So sieht dann der Helm aus, wenn man ihn mit den Ornamenten beklebt hat. Da ich ein wenig zu lange mit der Verarbeitung gewartet hatte mußte ich die Spalte mit einer Modellierpaste auffüllen. So wie Spachteln beim Auto. Das hat sich wiederum als Vorteil herausgestellt, denn durch das Auftragen mit einem einem Pinsel ergab sich auch gleich eine strukturierte Oberfläche auf dem sonst glatten Helm.

Im nächsten Schritt ging es dazu den Helm golden zu bringen. Im Cosplaybereich schwören sie auf Plastidip. Das gibt es auch in Goldfarbe als „Metalizer“, Tja, was soll ich sagen, auf Metall funktioniert das leider nicht. Ich hätte zuerst mit schwarzem Plastidip anfangen sollen und dann mit dem Metalizer drauf. Plastidip trocknet als dünne Folie aus, so konnte ich es wenigstens wieder ziemlich gut runter bekommen.

Also back to the roots, Kompressor an, Spritzpistole raus und erst mal einen vernünftigen Acrylgrund drauf lackieren.

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Danach kamen dann 2 Schichten Goldlack.

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Das sah jetzt schon ganz passabel aus, es ist goldfarben aber es hat leider keinen Glanz. Also nochmal 2 Schichten goldenen Glitzer auftragen.

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Wenn das nicht funktioniert hätte, dann hätte ich von früher noch Schlagmetall in der Schublade liegen gehabt. Aber das mußte ich dann doch nicht aktivieren.

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Ein wenig Bling Bling fehlte noch, aber das habe ich im Bild nur drapiert. Die Federn habe ich mit einem Kabelbinder am Helm befestigt.

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Dagegen war der Kragen ja richtig einfach. Auch den hatte ich aus Stahl bekommen, aber Stahl-glänzend. Auf dem Bild sieht es eher aus wie ein Lederkragen in schwarz. Diesmal war ich einen Schritt schlauer, denn ich hatte ja die schwarze Grundierung, meinen Kompressor und meine Sprühpistole. Zwei Schichten später war auch der Kragen tief-schwarz.

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Dann ist mir doch tatsächlich ein klitzekleines, wenn auch hirnloses Wesen gesteuert von seiner primitiven RNA in meine Pläne gegrätscht. Nicht nur mein Terminplan wurde jäh durchkreuzt, dieses hirnlose Etwas hat inzwischen sogar eine ganze Welt zum erliegen gebracht. Man kann es nicht in den Hintern treten, so was hat es nicht und für die Fliegenklatsche ist es zu klein.

Also seit Wochen liegt das Set bereit aber Dank rigoroser Kontaktsperre hier in Bayern sind alle Shootings ausgefallen, auch was ich sonst noch geplant hatte. Letztes Wochenende haben wir uns dann die Sache schön geredet. Schließlich durfte man sich draussen ja auch mit einer nicht im Haushalt lebenden Person treffen. Warum also nicht Fotografieren und dabei immer schön auf Abstand achten.

Hier also nach unendlich langen Beschreibungen das fertige Bild vom

Teodorico di Canto Uccello con Cappuchio Oro

Teodorico di Canto Uccello-1200.jpg
 
Die Aufnahmebedingungen waren:

Aufgenommen mit der Nikon D850 auf Stativ, dem Sigma 85/1.4 Art bei Blende 8, ISO 64 sowie 1/160-tel.

Als Hauptlicht kam ein Godox AD600BM mit einer Fresnel-Linse und Scheunentore zum Einsatz. Sie zeigt auf den Helm und leuchtet diesen als Hauptmotiv aus. Ich habe es vorher mit einem Snoot probiert, aber der ist war viel zu punktuell. Die Fresnel-Linse mit ausgefahrenem Tubus ergab auch einen kleineren Lichtkegel, der aber den ganzen Helm ausleuchtete. Die Scheunentore haben das ganze noch unterstützt und kein Streulicht zugelassen.

Als Fill-Light habe ich einen Beautydish mit 70cm Durchmesser auch an einem Godox AD600BM verwendet. Er war so eingestellt, dass sich im Gesicht noch so etwas wie ein Rembrandt-Effekt eingestellt hat und der auch den Körper noch mit ausleuchtet. Der Beautydish war mit einer Wabe versehen um auch hier gerichtetes und härteres Licht zu bekommen.

Als Hintergrund habe ich eine Bahn aus schwarzem Kunstleder verwendet. Das reflektiert wenig und ist mit seinen 1,50m Breite leichter zu handeln als mein 3 m breiter Hintergrundkarton.

Na ja, es hat dann so etwa 10 Aufnahmen gebraucht die Körperhaltung einzurichten. Je nach Einfallswinkel von der Fresnel-Linse haben sich auch böse Spiegelungen und Reflexe ergeben. Dadurch haben wir die Kopfhaltung nicht ganz authentisch hin bekommen. Da tut sich der Maler leichter, denn er kann in seiner Lichtsetzung etwas „tricksen“.

Die Bearbeitung hat fast ausschließlich in Affinity Foto statt gefunden. Links unten an dem Umhang musste ich dann doch leider tricksen. Unser Fake-Umhang hat überhaupt nicht funktioniert und alle Bemühungen waren vergebens, es hat immer ganz schlecht ausgesehen. Also habe ich mich nach einigen Stunden entschieden hier auch zu faken und habe den Umhang aus dem Original raus kopiert. Ab einschließlich dem Halskragen aufwärts ist alles OoC. Keine Beauty-Retusche oder dergleichen.

Die Hauptbearbeitungspunkte war:
  • Den Helm mit der Liquify Persona etwas schlanker geformt, meiner war doch schon ziemlich rundlich.
  • die Farbabstimmung mit HSL angepasst,
  • Ein selbst erzeugtes LUT aus dem Originalbild eingefügt
  • ein Gauss*scher Filter mit 6 Pixel über das gesamte Bild,
  • 2 Texturen übereinander, zusammen mit dem Gauss für den Look eines Gemäldes
  • Belichtungsanpassung
  • So etwas wie Dodge’n Burn auf einer neuen Ebene mit Schwarz und Weiß und weichem Licht um bestimmte Bereiche nochmals anzuheben oder abzudunkeln. Sozusagen eine selektive Belichtungssteuerung.
  • Am Ende nochmals eine HSL-Ebene um das Gelb und Rot etwas zu entsättigen

Das Bild ging dann zurück an Lightroom. Dort habe ich den Beschnitt dann gänzlich auf 4:3 angepasst (danke Volker und Robert) und die Gradationkurve noch etwas weicher eingestellt, also die Tiefen etwas angehoben und die Lichter etwas abgesenkt.

Das war es auch schon zur Bearbeitung. Das war eine lange Beschreibung, aber ich hoffe, euch gefällt das fertige Resultat. Sicher kann man immer noch was verbessern oder ändern. Wer das tun möchte kann dann gerne sein Ergebnis hier präsentieren. Hier noch ein unbearbeitetes Bild aus der Serie.

Teodorico Schelm.jpg
 
Zuletzt bearbeitet:
Das ist ganz großes Kino, Roland! Einfach nur

:itd-3d-ani-w99-smiles-038:

Hab Dank für Dein Making-Of - es ist unglaublich, was da alles zu besorgen und zu bedenken ist. Was für eine Arbeit und was für Details!

Teodorico di Canto Uccello con Cappuchio Oro ist super geworden, ich bin begeistert. Aber soll Dir sagen, was mir am allerbesten gefällt? Wie er am Ende zum Leben erweckt in die Kamera blickt. Genial!
 
Wie er am Ende zum Leben erweckt in die Kamera blickt.
Das Bild wollte er selber noch haben, ein verschmitzter Blick, denn so ist er im eigentlichen Leben.

Als ich ihn fragte, ob er bei dem Bild mitmachen wolle hat er nur gesagt: "So ausgemergelt schau ich doch gar nicht aus". Am Ende war er begeistert.
 
Danke für die Entstehungsgeschichte und Glückwunsch zu gelungen Realisierung des Projekts. Das "Schelm mit Helm"-Bild gefällt mir fast noch besser als die "Rekonstruktion". Es hat was Eigenes und ist doch angelehnt an das Original.
 
Mein Respekt für die Idee, Planung, die viele Arbeit und folgerichtig das wunderbare Ergebnis. Wie Anja schon schrieb: Ganz großes Kino!

Viele Grüße
Robert

P.S. Ich bin jetzt umso mehr gespannt auf Dein "Meisterstück" :)
 
Endlich. Ich sitze am PC und habe ein paar Minuten zwischendurch, um dieses gewaltige Projekt zu würdigen.

Grandios! Diese unheimliche Arbeit mit dem Helm! Auch wenn der Originalhelm reichlicher verziert war: Prächtig, prächtig! Dann das perfekte Model für diese Aufnahme. Wirklich fazinierend! ich beneide dich um solche Projekte. ;)

Eine kitzekleine Kritik hätte ich trotzdem anzubringen: Der Helm ist auf meinem Bildschirm in der ersten Aufnahme, also dem Endprodukt, grünlich, nicht goldfarben. Ich weiß schon, das ist der Hautfarbe geschuldet, die damit sehr nahe am Original bleibt. Aber hier wäre eine gute Möglichkeit, dich mal mit einer Testversion von Capture One anzufreunden. Dort könntest du den Goldton unproblematisch getrennt bearbeiten: Farbe verändern oder die Farbe als Maske speichern und für den Helm einen separaten Weißabgleich vornehmen. Im zweiten Bild würde der Helm gut hinkommen, da ist nur das Gesicht schon ein wenig zu warmtonig. ;)
 
Tolles Projekt was Du da erarbeitet hast ! :):):)
Ich kann nur staunen wie Du das hinbekommen hast. Aber trotz allem, der verschmitzt guckende General gefällt mir persönlich am besten :cool:
 
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